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Zum Leben erwecken

 

 

Arnau / Арнау St. Katharinenkirche zu Arnau /

 Kuratorium Arnau

Die Katharinen-Kirche in Arnau
Retten und zum Leben erwecken

Während sich viele Ostpreußenbesucher an der Schönheit der Landesnatur erfreuen, befällt sie Kummer, erleben sie die Kulturlandschaft. Zu viel ist den Zeitereignissen zum Opfer gefallen, zu schmerzlich ist die Zerstörung oder der Niedergang dessen, was einmal die Blüte des Landes ausmachte. Wie viele schöne Dorfkirchen hatte gerade das Samland, und es bricht einem das Herz, begegnet man ihnen wieder als Ruinen.

Umso höher schlägt das Herz, wenn man auf das Gegenteil stößt. Glückliche Umstände haben dazu geführt, dass in Arnau vor den Toren Königsbergs ein einzigartiges Zeugnis unserer Kultur nicht nur gerettet, sondern auch zum Leben erweckt werden konnte. Es handelt sich um die zweitälteste Kirche des historischen Ordensgebietes, die gegenüber den anderen Ordenskirchen des Samlandes bauliche Besonderheiten aufweist und die sich zudem durch ihre kunsthistorische Einmaligkeit auszeichnet.

Den Krieg überstand die Kirche in all ihrer Schönheit völlig unbeschadet, wurde in der Folgezeit jedoch ihres Inventars beraubt und zu einer Halbruine herabgewürdigt. Nur dadurch, dass die örtliche Kolchose „Rudniki" sie schließlich als Getreidespeicher nutzte, entging sie der völligen Zerstörung. Als die Sowjetunion zusammenbrach, bedeutete das auch den wirtschaftlichen Ruin der Kolchose. 1992 wollte man die Kirche ganz abreißen und die Steine verkaufen.

Dank der entschiedenen Intervention des Hamburger Architekten Ralph Schroeder und seiner Ehefrau Ulla wurde die Kirche vor der endgültigen Zerstörung gerettet und schließlich sogar unter Denkmalschutz gestellt. Seitdem bemüht sich das „Kuratorium Arnau e.V." um die schrittweise Wiederherstellung des Gebäudes und die Rettung der kostbaren Wandgemälde. Bei diesen handelt es sich um einen so genannten Heilsspiegel, der als umlaufender Fries mit biblischen Motiven in 114 Stationen den Weg des Menschen vom Paradies bis zum Jüngsten Gericht darstellt. Wie die Geistesgeschichtler nachgewiesen haben, hat das zugrunde liegende Schema unser Denken, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, bis in die heutige Zeit beeinflusst. In einem ersten Bauabschnitt wurde der Turm wiederhergestellt einschließlich eines Glockenstuhls samt in Süddeutschland gegossener Glocke und Wetterfahne mit der Heiligen Katharina. Dem folgte in einem zweiten Bauabschnitt die Erstellung eines denkmalgerechten Dachstuhls und die Eindeckung mit historisch getreuen Pfannen aus Süddeutschland. Weitere Gewerke waren die Ausbesserung der Außenmauern und das Einsetzen von Notfenstern.

Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, das Konzept des Projektes nunmehr in zweifacher Hinsicht fortzuführen: Zum einen soll die Baugeschichte der Kirche und die kunsthistorische Bedeutung des Heilsspiegels näher erforscht werden. Zum anderen erweist sich die Rettung und Restaurierung der Wandgemälde als vordringliche Aufgabe. In letzterem Fall bereiteten Besucher wiederholt erheblichen Kummer. Mit der baulichen Wiederherstellung der Kirche geht im Inneren ein Trocknungsprozess einher, der dazu führt, dass der Putz leicht von den Wänden abplatzt. Manche Besucher helfen dem ein bisschen nach, vielleicht gar nicht einmal in böser Absicht, um ein fast 700 Jahre altes Stück des Wandgemäldes als heimatliches Andenken mit nach Hause zu nehmen.

Vom 25. bis 28. Oktober 2007 veranstaltete das Kuratorium zusammen mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Kiel und der Königsberger Immanuel-Kant-Universität in der Wallenrodtschen Bibliothek des Domes ein internationales Symposium zum Thema „Mittelalterlicher Heilsspiegel und europäischer Kontext: Das Beispiel der St. Katharinen-Kirche in Arnau / Marjino bei Königsberg / Kaliningrad". An der gut besuchten Veranstaltung nahmen Wissenschaftler aus Deutschland, Russland und Polen teil. Eröffnet wurde das Symposium durch den Vortrag von I. A. Odinzow, von manchen als „Dombaumeister" bezeichnet, zum Thema „Der Dom zu Königsberg und die Geschichte seiner Fresken" sowie durch die grundsätzlichen Ausführungen von Frau Prof. Dr. Irina Kusnezova, Lehrstuhl für Kulturgeschichte, zur „Neuen Rolle der historischen Denkmäler in Kaliningrad".

Richtungsweisend war der Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Kuder vom Kunsthistorischen Institut der Universität Kiel zur kunstgeschichtlichen Einordnung des Arnauer Heilsspiegels. Nach dem neuesten Forschungsstand lassen sich drei Gruppen von Heilsspiegeln unterscheiden, die sich vom italienischen Vorbild (Bologneser Scriptorium) ableiten: eine nordwestdeutsche, eine baltische, die sich mit Arnau noch weiter vom Archetypus entfernt, und eine südwestdeutsche-schweizerische Gruppe. Es konnte nachgewiesen werden, dass Arnau weder von Königsberg noch von der berühmten Darmstädter Handschrift abhängig ist. Offensichtlich stehen die Arnauer Wandmalereien in einer Bildtradition, die sich schon relativ früh vom dem nordwest- und von dem südwestdeutschen Strang abgezweigt hat. Sie weisen sich damit als besonders alt und im kunsthistorischen Sinne besonders eigenständig aus.

Während Arnau in der deutschen Fachwelt nach 1945 nahezu in Vergessenheit geriet, beschäftigte sich der polnische Kunsthistoriker Dr. Jerzy Domaslowski aus Posen bereits 1989 in einer Publikation ausführlich mit Arnau. Er referierte auf dem Symposium über das Thema „Beispiele sakraler Wandmalereien im historischen Ordensgebiet unter besonderer Berücksichtigung von Königsberg und Arnau". Abgeschlossen wurde das Symposium durch den erkenntnisreichen Vortrag von Prof. Dr. Christofer Herrmann, Universität Danzig, über „Die Arnauer Kirche und die Gruppe der mittelalterlichen Pfarrkirchen im Samland". Bemerkenswert ist, dass Prof. Herrmann gerade mit seinem 816 Seiten umfassenden und reich bebilderten Werk Mittelalterliche Architektur im Preussenland (Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2007) eine substantielle Dokumentation vorgelegt hatte, die auf Jahre hinaus als der maßgebliche kunsthistorische Beitrag zur Landeskunde zu werten sein wird. Besonderen Wert legte das Symposium auf einen vergleichenden Ansatz, so dass das Charakteristische der wert- und mitteleuropäischen sakralen Kunst gegenüber der byzantinisch beeinflussten Sakralkunst Russlands zum Ausdruck kam. Insgesamt vermittelten die 15 Vorträge mit den anschließenden Diskussionen wesentliche wissenschaftlicher Erkenntnisse. Zugleich löste das Symposium eine spürbare Öffentlichkeitswirkung aus. Das Kunsthistorische Institut der Universität Kiel wird die Vorträge als Sammelband herausgeben, der Ende 2008 im Buchhandel erhältlich sein wird.

Mitglieder des Symposiums bei einem Ortstermin in der Arnauer Katharinen-Kirche
Mitglieder des Symposiums bei einem Ortstermin in der Arnauer Katharinen-Kirche

Von besonderer Bedeutung war das Ineinandergreifen von Theorie und Praxis. So hielten die beiden Diplom-Restauratorinnen Silke Heinemann und Jutta Kalff von der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst" in Hildesheim nicht nur einen Vortrag über die Restaurierungsprobleme von Arnau, sondern sie führten die Teilnehmer des Symposiums auch durch die Kirche und erläuterten den Sachverhalt vor Ort.

Bereits im Jahr 2007 wurden beide Restauratorinnen vom „Kuratorium Arnau e.V." beauftragt, Musterflächen zur Entwicklung eines Konservierungskonzeptes für die Wandmalereien zu erstellen. Jetzt setzten sie ihre praktische Arbeit noch eine Woche lang im Anschluss an das Symposium fort. Anhand der bereits angelegten Musterflächen an den stark beschädigten Wandbereichen im mittleren Joch der Südwand im Langhaus wurden sowohl geeignete Konservierungsmethoden und -materialien als auch der Zeitaufwand ermittelt, um eine Einschätzung von Zeit und Umfang hinsichtlich der erforderlichen Maßnahmen zu gewinnen. Hieraus wird ein umfassendes Konservierungskonzept entwickelt. Trotz der zerstörerischen Außeneinflüsse lassen sich glücklicherweise etwa 60 % der ursprünglichen Wandmalerei retten. Bisweilen hört man Stimmen, dass die Wände mit einer konservierenden Lösung einzustreichen und die Wandgemälde einfach nachzumalen seien. Dann wäre das Projekt in etwas zwei Jahren abgeschlossen. Diese Ansicht verkennt, dass neben den kunsthistorischen Problemen komplizierte chemische und Dipl.-Rest. Jutta Kalff untersucht gefährdete Wandbereiche (Langhaus/Nordwand, westliches Joch) physikalische Vorarbeiten notwendig sind. So wird die Restaurierung noch Jahre in Anspruch nehmen, zumal die notwendigen Mittel vorher aufgebracht werden müssen. Aber die Bedeutung des Objektes rechtfertigt fraglos den Einsatz.

Das „Kuratorium Arnau e.V." hat stets die Notwendigkeit im Blick, die „wiedergeborene" Kirche mit Leben zu erfüllen. Bereits 1993 führte es hier ein Weihnachtskonzert durch. Neben einer goldenen Konfirmation fanden auch schon mehrere Gottesdienste im kleinen Rahmen statt, die von Besuchergruppen ausgingen. Aber die Kirche soll zukünftig nicht nur sakralen Handlungen offen stehen. So hat z. B. ein deutscher Landmaschinenhersteller angefragt, ob er hier ein kleines Museum zur Entwicklung der Landbautechnik und eine Verkaufsausstellung einrichten kann. Gegenwärtig laufen Verhandlungen mit mehreren Institutionen. Ein tragfähiges Nutzungskonzept ist nicht einfach zu erstellen, denn es müssen mehrere Belange auf einen Nenner gebracht werden: die russischen Ansprüche, die angemessene deutsche Beteiligung, die Belange der Besucher und nicht zuletzt die wirtschaftliche Notwendigkeit. Der bisherige Erfolg ermutigt jedoch zur Weiterarbeit. Und nicht zuletzt sei allen von Herzen gedankt, die geholfen und das Projekt so tatkräftig unterstützt haben.

Natürlich freut sich das „Kuratorium Arnau e.V." über jeden neuen Mitarbeiter ... und über Spenden, die aufgrund der Gemeinnützigkeit des Vereins steuermindernd sind (Raiffeisenbank Südstormam e. G., Kto. 222 658, BLZ 200 691 77).

Haben Sie Fragen, so wenden Sie sich an uns: Dr. Walter T. Rix, Zur Konsbek 10, 24214 Lindhöft, Tel. 04346-2998038, Fax. 04346-601483 oder Reinhard Stillger Alemannenstr. 20, 74613 Öhringen, Tel: 07941-33229, Fax: 07941-34422.

Chor; Nordwand, Beispiel einer schematischen Darstellung der Schadenskartierung (ablösende Kalktünche, Versinterung, Bakterien, mechanische Beschädigungen, Salzausblühungen, Feuchteflecken, mikrobieller Befall, verwitterte Putzoberfläche)
Chor; Nordwand, Beispiel einer schematischen Darstellung der Schadenskartierung (ablösende Kalktünche, Versinterung, Bakterien, mechanische Beschädigungen, Salzausblühungen, Feuchteflecken, mikrobieller Befall, verwitterte Putzoberfläche)

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Quelle / Источник:
Ein Beitrag von Walter T. Rix, erschienen in:
Unser schönes Samland, Samländischer Heimatbrief
der Kreise Fischhausen und Landkreis Königsberg / Pr.
177 Folge, 1/2008, Seite 48-
51

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Stand: 15. September 2018


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