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von Lubowitz nach ...

 

 

Arnau / Арнау St. Katharinenkirche zu Arnau /

 Kuratorium Arnau

Schwerpunktthema im Rotary-Magazin, November 2007:

Die wundersame Aktualität des Josef v. Eichendorff
Hoher Dinge seltsam Wesen

 Joseph v. Eichendorff gilt als der schlichte träumende Dichter einsamer Bergeshöhen und Täler. Die folgenden Seiten stellen hingegen — aus Anlass seines 150. Todestages am 26. November — einen vielfältigen Denker vor, dessen Wiederentdeckung lohnt. Günther Schiwy (1), Verfasser einer maßgeblichen Eichendorff-Biografie, zeigt dessen zeitlose Bedeutung für ganz moderne Alltagsfragen. Wojciech Kunicki (2) beschreibt das Verhältnis der Polen zu Eichendorff im Schlesien von heute, während Walter T. Rix auf den Spuren des Dichters in Ostpreußen wandelt. Einen Aspekt, der oft übersehen wird, deckt mit seinem Blick auf das Recht Klaus Lüderssen (3) auf. Mit dem Zauber der romantischen Sprache sowie der Aktualität der Romantik insgesamt befassen sich abschließend Heinz Schlaffer (4) und Eckhard Fuhr (5).


Als ein romantischer Katholik auf einen rationalen Kantianer traf
Von Lubowitz nach Arnau

Leben und Werk des auf Schloss Lubowitz bei Ratibor geborenen Dichters verbinden sich eng mit Schlesien. Hier ist der Grund, über den sich seine Seele erhebt und ihre Flügel aufspannt. Das lässt leicht vergessen, dass er zehn entscheidende Jahre seines Lebens in Ostpreußen verbrachte.

Nachdem Eichendorff im November 1819 eine unbezahlte Assessorenstelle in Breslau angetreten hatte, wurde der Minister für Kirchen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, auf ihn aufmerksam und betraute ihn im Dezember 1820 mit den Geschäften eines katholischen Konsistorial- und Schulrats in Danzig. Unmittelbarer Vorgesetzter wurde für ihn der Oberpräsident von Westpreußen, Theodor von Schön, ab 1824 Oberpräsident von West- und Ostpreußen. Offensichtlich hat Schön schon früh Gefallen an Eichendorff gefunden, denn er besteht darauf, gemeinsam mit ihm am 9. Juli 1824 von Danzig nach Königsberg zu reisen. Hier weist er dem Dichter kein festes Dezernat zu, sondern ernennt ihn zum „ständigen Korreferenten", was zu einem fortlaufenden gemeinsamen Reiseleben zwischen Danzig und Marienwerder führt. Da sich Eichendorff im fernen Osten Preußens zunächst völlig isoliert fühlte, schloss er sich Schön umso enger an und wurde häufiger Gast in dessen Herrenhaus Preußisch Arnau.

Schöns Regierungszeit und Eichendorffs Dienstzeit fallen nicht nur zusammen, sondern beide verbindet auch ein gleichsinniger Geist, der in vielfachem Widerspruch zur Berliner Politik steht. Beide atmen in vollen Zügen den für das damalige Königsberg so charakteristischen liberalen Geist. Schön quittiert nach langwierigen Auseinandersetzungen 1842 seinen Dienst und zieht sich auf sein Gut Preußisch Amau zurück. Eichendorff scheidet zwei Jahre später aus dem Staatsdienst aus, als ihm deutlich wird, dass der preußische Reformgeist endgültig den starren Restaurationsbestrebungen unterliegt. Schön stirbt 1856, ein Jahr vor Eichendorff. Die Freundschaft der beiden fällt damit in eine äußerst bewegte Zeit. Sie ist geprägt von der Auseinandersetzung mit den von Napoleon entfachten Vorstellungen, dem Neubau des preußischen Staates und der Verfassungsfrage, dem Konfessionsstreit und dem Verhältnis zu Russland.

Als Beamter war Eichendorff kein Mann, der nur Aktenstaub aufwirbelte und die Bürger mit Paragrafen traktierte. Vielmehr war er ein eigenverantwortlicher, freier und kritischer Geist, der den Zeitereignissen mit unabhängiger Intellektualität gegenüberstand. Diese Grundhaltung war eine entscheidende Gemeinsamkeit mit Schön. Darüber hinaus gab es etwas, was beide aneinander faszinierte. Jeder glich das Defizit des anderen aus. Der Kantianer Schön bot die aufgeklärte Rationalität, die Eichendorff nicht in die Wiege gelegt war. Und der katholische Romantiker Eichendorff verfügte über die schöpferische Gefühlskraft, die Schön im Sinne der Rationalität Kants nicht haben durfte.

Gemeinsame Hoffnung auf Reformen

Im Jahr 1813 war Schön einer der entscheidenden Initiatoren des Aufstandes der ostpreußischen Landstände gegen Napoleon und der Auflehnung gegen die abwiegelnde Weisung von Friedrich Wilhelm III. Er hoffte ebenso wie Eichendorff, dass der zündende Funke der vom Volk getragenen Erhebung einen neuen Geist entfachen und in einen konstitutionellen Umbau des preußischen Staates führen würde. Sie sollten darin beide enttäuscht werden.

Zwar ist es für Eichendorff von großer Bedeutung, dass er in einer Stadt lebt, die vom Geist Hamanns, Herders und Kants geprägt ist, aber die tägliche Mühsal und Plackerei als Beamter lässt ihm wenig Gelegenheit zum geistigen Genuss und zur schriftstellerischen Tätigkeit. Zu seinen anspruchsvolleren Aufgaben zählen noch die Abwicklung von Bibliotheksschenkungen, die Förderung des Theaterwesens und die Durchführung von Musikfesten. Aber es kommen auch viele höchst prosaische Verpflichtungen auf ihn zu, so die Konzessionierung einer Mineralwasserfabrik in Königsberg. Weiterhin begleitet er Schön auf den ständigen Inspektionsreisen, die ihn Ostpreußen gut kennenlernen lassen und ausgiebig Gelegenheit zum Gedankenaustausch bieten, aber auf die Dauer auch ermüdend wirken. Völlig zwischen die Fronten gerät er durch die feindselige Haltung Schöns gegenüber der katholischen Kirche und speziell gegenüber den „Umtrieben des katholischen Klerus in der ermländischen Diözese". Einerseits ist Eichendorff als Beamter dem Staat und als Freund Schön verpflichtet, andererseits verbindet ihn eine enge Freundschaft mit dem Bischof des Ermlandes, Joseph Wilhelm Prinz von Hohenzollem-Hedingen. Es bleibt Eichendorffs Geheimnis, wie er beiden Seiten gerecht zu werden vermochte.

»Der Kantianer Schön bot die aufgeklärte Rationalität, der katholische Romantiker Eichendorff die schöpferische Gefühlskraft«

Rückbesinnung. Am Wiederaufbau der Marienburg in Westpreußen wirkte Eichendorff mit. - Foto: (c) Hans-Peter Kalisch, 2003.

Rückbesinnung. Am Wiederaufbau der Marienburg in Westpreußen wirkte Eichendorff mit.
Foto: (c) Hans-Peter Kalisch, 2003.

In der Wiederherstellung der Marienburg 1817-1842 begegnen sich romantischer und liberaler Geist. Ihre durch Schön betriebene Restaurierung ist gleichermaßen Ausdruck des romantischen Volksbegriffes wie auch der Verkörperung der vom Königsberger Liberalismus entlehnten Vorstellung der Nation. Die Restaurierung vollzieht sich parallel zu der nach den Freiheitskriegen entstehenden Denkmals- und Volksliedbewegung, vertreten durch Achim von Arnim und Clemens Brentano, und ist ein östliches Gegenstück zu dem im Entstehen begriffenen Kölner Dom. Schön, der nach seinem Abgang am 3. Juni 1842 durch Friedrich Wilhelm IV. mit dem Titel ,Burggraf von Marienburg' ausgezeichnet wird, wertet die Wiedergeburt der Marienburg als Symbol eines zwar aus der Tradition erwachsenen, so doch völlig neuen Preußens.

Als Friedrich Wilhelm IV., die Marienburg besucht, wird ihm das Gedicht „Der Liedsprecher" vorgetragen, ein von Eichendorff auf Schöns Wunsch verfasstes panegyrisches Gedicht. 1843 legt Eichendorff seine umfangreiche Schrift „Die Wiederherstellung des Schlosses der deutschen Ordensritter zu Marienburg" vor, eine Hommage an den Wiedererbauer Schön, in der er darauf hinweist, dass dieser die Marienburg „gleichsam neu gegründet" habe. 1830 erscheint Eichendorffs durch Schön angeregtes Historiendrama „Der letzte Held von Marienburg", das das Schicksal des letzten Hochmeisters Heinrich von Plauen zum Gegenstand hat. Doch die von Schön für die Königsberger Bühne angeregte Uraufführung scheitert 1831 infolge einer völlig unzulänglichen Inszenierung.

Abschied von Königsberg

1831 quittiert Eichendorff seinen Dienst in Königsberg und geht nach Berlin. Während dieser Zeit reißt der Kontakt mit Königsberg jedoch nicht ab. Zwar schreibt Eichendorff am 5. Mai 1832, als er sich um seine Freistellung von seinem Amt im Berliner Außenministerium bemüht: „Kehre ich jetzt nach Königsberg zurück, so bin ich, das fühle ich sehr deutlich, als Beamter und Dichter unausbleiblich für immer begraben". Aber das Interesse an Königsberg und Ostpreußen erstirbt nicht. Im Gegenteil, ein ununterbrochener Strom an Besuchern aus Königsberg spricht in seiner Berliner Wohnung vor.

Wie sehr Schön fortan seinen Geistesgefährten vermisst, zeichnet sich 1851 in einem Brief an Eichendorff ab, der ihm seine Abhandlung „Der deutsche Roman des achtzehnten Jahrhunderts in seinem Verhältnis zum Christentum" zur Begutachtung geschickt hatte: ,War es mir doch, als wenn Sie in meiner Stube wären und ich mit meinem verehrten Freunde disputierend auf und nieder ginge! Ich sah, Ihr für mich immer freundliches Gesicht –, ich hörte Sie sprechen, Summa Summarum: Sie waren da: und das machte mir eine solche Freude, daß ich Ihr Buch in einem Zuge durchlesen mußte".

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Dr. Walter T. RixDr. Walter T. Rix war bis 2006 Redakteur der Zeitschrift »Literatur in Wissenschaft und Unterricht« sowie Wissenschaftlicher Direktor am Englischen Seminar der Universität Kiel. Er ist Vorsitzender des Vereins »Kuratorium Arnau«.
Seit Jahren ist Rix regelmäßiger Gastdozent an der Immanuel-Kant-Universität Königsberg/Kaliningrad.

 
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Quellen:
Ein Beitrag von Walter T. Rix, veröffentlicht in:
Rotary Magazin für Deutschland und Österreich, Nov. 2007, Seite 27, 39-41,
http://rotary.de/rotary_verlag/rotary_magazin/heft.php?oid=686&nm=Nov...;
Foto Marienburg: (c) Hans-Peter Kalisch, 2003

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Anmerkungen:

(1) Günther Schiwy: Der schöne Liebling der Natur.
     Rotary Magazin für Deutschland und Österreich, Nov. 2007, Seite 28-35
(2) Wojciech Kunicki: Brücken bauen durch Erinnerung.
     Rotary Magazin für Deutschland und Österreich, Nov. 2007, Seite 36-38
(3) Klaus Lüderssen: Aufklärung zwischen Revolution und Restauration.
     Rotary Magazin für Deutschland und Österreich, Nov. 2007, Seite 42-43
(4) Heinz Schlaffer: Zauberworte.
     Rotary Magazin für Deutschland und Österreich, Nov. 2007, Seite 44-47
(5) Eckhard Fuhr: Ist die Romantik heute noch Zeitgemäß?
     Rotary Magazin für Deutschland und Österreich, Nov. 2007, Seite 48-51
  
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Stand: 15. September 2018


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