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Mutter Moskau

 

 

Arnau / Арнау St. Katharinenkirche zu Arnau /

 Kuratorium Arnau

Kaliningrad:
«Mutter Moskau will uns russisch machen»

Sinkflug auf Kaliningrad [Königsberg], Februar 2011. Ein frostiges Morgenrot zieht über die russische Exklave zwischen Polen und Litauen. Unaufhaltsam wie einst die Rote Armee bahnt sich der grelle Lichtstreifen am Horizont seinen Weg nach Westen. Über eisige Flüsse, schneeweiße Auen und schwarze Wälder.

Irgendwo da unten war die kleine Hildegard Kalkowski im Winter 1944 auf der Flucht. Die Gutsbesitzerin, bei der ihr Vater arbeitete, gab der Familie ein Pferdefuhrwerk. Ihr Ziel war ein Flüchtlingsschiff im Ostseehafen Pillau. Sie sollten es nie erreichen.

Königsberg und Ostpreußen mussten von der Landkarte verschwinden. Der Kreml wollte es so. Die Rote Armee habe «diesen Vorposten der deutschen Eroberungspolitik» auf ewig liquidiert, schrieb die Parteizeitung «Prawda» zwei Tage nach der Kapitulation. Rund 2,5 Millionen Deutsche mussten flüchten, in ihre Häuser zogen slawische Sowjetbürger ein.

Stalin erklärte die Kriegstrophäe zum militärischen Sperrgebiet. Die Exklave an der Ostsee mutierte zum «westlichsten Vorposten der Sowjetunion». Aus Königsberg wurde Kaliningrad, benannt nach Michail Kalinin Bolschewist, Mitbegründer der «Prawda» und unter Stalin formales Staatsoberhaupt. Das klingt paradox, aber in Russland gibt es das.


Die junge Hildegard blieb alleine zurück im Feindesland. Der Krieg nahm ihr die Heimat, die Familie und den deutschen Namen. Es blieben die schmerzhaften Erinnerungen: Das Grollen der deutschen Panzer und die Gewehrsalven der sowjetischen Flugzeuge begleiten Hilde noch heute in vielen Nächten.

Die bald 80-jährige Frau wäre vermutlich längst tot, aufgezehrt vom Kriegstrauma und den Strapazen des russischen Landlebens. Gerettet hat sie die alte deutsche Kirche in ihrer Kolchose, zehn Kilometer östlich von Königsberg. Die St.-Katharinenkirche zu Arnau.


Draußen vor dem bulligen Flugzeugfenster löst sich das kräftige Morgenrot langsam in einen Dunststreifen eisiger Pastelltöne auf. Von rosa über orange und gelb färbt sich das Firmament zu einem klirrend kalten Himmelblau.

Irgendwo da unten in den verschneiten Weiten steht sie. Auf einer kleinen Anhöhe über der Pregel, die St.-Katharinenkirche. Ein gotischer Backsteinbau des Deutschen Ritterordens. Die Eltern von Reinhard Stillger, der neben mir sitzt, hatten unter dem weißen Sterngewölbe der Kirche geheiratet. Er selbst erinnert sich aber vor allem an eines: «Wenn eine Schule in Königsberg ein neues Ruderboot bekommen hatte, wurde es bei der Kirche getauft.» Stillger blickt nachdenklich auf die Eisblumen am Flugzeugfenster. Dann hellt sich seine Miene plötzlich auf: «Anschließend fuhren wir immer eine Regatta auf der Pregel», erklärt der Bauleiter mit schneidiger Stimme.

Der junge Reinhard träumte von einer Olympiateilnahme. Statt zu den Spielen wurde er 1944 als 18-jähriger Mittelschulabgänger jedoch in den Krieg geschickt. Für den lebensfrohen Jungen war es keine Tragödie: «Wir wurden von der Propaganda doch richtig aufgeheizt. Wir gingen durch dick und dünn.»

Stillger und seine Familie hatten Glück im Unglück. Nach der Kapitulation geriet Reinhard in sowjetische Kriegsgefangenschaft und durfte 1949 an Stalins Geburtstag in die BRD ausreisen. Dort traf er seine Eltern und Geschwister wieder. Sie hatten sich bei Kriegsende im letzten Augenblick geweigert, in Pillau auf einem Flüchtlingsboot an Bord zu gehen, aus Angst vor einem Torpedobeschuss. Als sie nach Arnau zurückkehrten, lebten in ihrem Haus bereits sowjetische Soldaten. Die ehemaligen Gutshäuser gingen an die Kolchose über, in der die Stillgers bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland 1948 arbeiten mussten. Die stolze St.-Katharinenkirche diente den Kommunisten fortan als Getreidespeicher.


Die 700 Jahre alte Backsteinkirche überlebte diese gottlose Epoche. Der Zerfall der Sowjetunion hingegen hätte für das Gebetshaus das sichere Ende bedeutet, wären da nicht diese deutschen Enthusiasten gewesen.

Der Turm lag zu Beginn der 90er-Jahre bereits in Trümmern. Seine Ziegel hatte die Kolchose abgetragen, um im Kirchenschiff die Tragsäulen für einen Schüttboden zu bauen. Für den gleichen Zweck missbrauchte man auch die langen Balken des steilen Giebeldachs.

Zurück blieb eine Halbruine, die allerdings einen einmaligen Schatz in sich barg: Ein kunstvoller Heilsspiegel aus 119 Fresken erzählt rund um das Kirchenschiff die biblische Geschichte vom Sündenfall über das Leben Christi bis zum Jüngsten Gericht.


Dieses «deutsche Erbe» interessierte die hochverschuldete Kolchose herzlich wenig. Sie wollte die Ziegel der Kirche verkaufen, um zu Geld zu kommen. Die Fügung wollte es anders: Der Kieler Literaturwissenschaftler Walter Rix, der mich ebenfalls auf dieser Reise begleitet, fuhr mit einer Expertengruppe nach Arnau.

Er erinnert sich noch genau an diesen Tag im Sommer 1992. «Der rote Backstein der Kirche leuchtete in der warmen Augustsonne», schwärmt Rix und richtet seinen Flugzeugsessel für die Landung senkrecht. Dann erklärt der 70-Jährige: «Wir dachten, wenn das auch noch mit der Sowjetunion untergeht, das bricht einem das Herz.»

Wenigstens dieses Stück verlorene Heimat wollten Rix und seine Freunde retten. Sie gründeten einen Verein, das Kuratorium Arnau, sammelten knapp 400.000 Euro Spendengelder und bauten die Kirche gegen den unberechenbaren Strom der russischen Bürokratie wieder auf. Reinhard Stillger übernahm die Bauleitung und Hildegard Kalkowski sprang ab und zu als Übersetzerin ein. «Uns trieb ein enormer Idealismus», erinnert sich Rix.


Jetzt aber stehen die deutschen Retter in Arnau vor verschlossenen Türen. Für den russischen Staat sind sie eine «geopolitische Gefahr» geworden. Die Behörden haben die St.-Katharinenkirche zusammen mit dutzenden anderen historischen Kulturgütern in Kaliningrad 2010 der russisch-orthodoxen Kirche übergeben. Darunter Gotteshäuser, die noch von lutherischen Gemeinden genutzt wurden, deutsche Ordensschlösser, die heute mehrheitlich in Ruinen liegen, und kulturelle Institutionen der Stadt Kaliningrad wie das Puppentheater, die Philharmonie oder der Nachtclub «Wagonka».

So amüsant einzelne Episoden dieses Konflikts erscheinen mögen, es geht um sehr grundlegende Dinge: um den wachsenden Einfluss der orthodoxen Kirche auf die russische Politik. Und um die Versuchungen des politischen Regimes, die Mehrheitsreligion als Machtinstrument und Lückenbüßer für die gescheiterte kommunistische Ideologie zu benutzen.


Reinhard Stillger streicht mit der Handfläche durch sein graues Haar. Er, der im Iran Zementfabriken und in Saudi-Arabien Wohnhäuser gebaut hatte, ahnte immer, dass es so kommen könnte: «Wir haben hier nichts mehr zu sagen, wir waren nur annehmbare Geldgeber.» Aufgeben wollen er und Walter Rix aber noch nicht. Sie fliegen nach Kaliningrad, um sich nochmals mit den Behörden an-zulegen.

Für Rix ist die Kirche «ein Kristallisationspunkt deutscher Kultur. Über Jahrhunderte haben Menschen dort gebetet. Das Gebäude ist erfüllt von Hoffnungen, Wünschen und Sehnsüchten». Aber nicht nur das: Neben der Kirche liegt der preußische Reformer Theodor von Schön begraben, ein Schüler des Königsberger Philosophen Immanuel Kant. «Schön hatte versucht, Kants Ideen in die Politik umzusetzen», erklärt Rix. 1807 arbeitete er den Entwurf des Oktoberedikts aus, das in Preußen die Leibeigenschaft abschaffte.


Im November 2010 verabschiedete die Duma eine umstrittene Vorlage über die Rückgabe kirchlichen Eigentums, das im Zuge der Oktoberrevolution 1917 entwendet worden war. Hauptprofiteurin der Vorlage ist die russisch-orthodoxe Kirche. Sie könnte in naher Zukunft neben den Staatskonzernen Gasprom oder der russischen Eisenbahn zu einer der größten Eigentümerinnen Russlands werden.

Die Crux dabei: Kaliningrad war bis 1945 in deutscher Hand. Es gab hier nichts, was die orthodoxe Kirche hätte zurückfordern können. Im Gegenteil: Die lutherische und die katholische Kirche hätten Anspruch auf zahlreiche Gotteshäuser und Kulturdenkmäler erheben können.

Bevor das oben erwähnte Gesetz in Kraft trat, übergaben die Kaliningrader Behörden der orthodoxen Kirche deshalb dutzende historische Gebäude mit «religiöser Bestimmung» zur Nutzung.

Auch die Kirche Arnau wurde an die orthodoxe Kirche übertragen. Bereits Anfang Oktober 2010 hatte Patriarch Kirill die Kirche bei einem Besuch gesegnet. Nur mit großer Mühe konnte eine Übergabe des Kaliningrader Dorns verhindert werden, an dessen Mauer Immanuel Kant begraben liegt.


Die Kaliningrader Intelligenzija lief Sturm gegen die Kirchenübergaben. Rund 50 Persönlichkeiten des kulturellen Lebens unterzeichneten einen Protestbrief an das Patriarchat und die russische Regierung. Es folgten mehrere Demonstrationen, die zuletzt mit Verhaftungen endeten.

Auch Swetlana Sokolowa unterschrieb den Brief. Jetzt sitzt die Museumsdirektorin entmutigt in ihrem winzigen Büro unter dem neugotischen Backsteingewölbe des Friedländer Tors. «Die Situation mit der orthodoxen Kirche ist eine Katastrophe für mich», sagt Sokolowa.

Die Biologin war überzeugt, dass die russische Gesellschaft langsam, aber sicher westliche Werte übernimmt. Doch jetzt sagte die 4o-jährige Mutter zu ihrer Tochter: «Lerne Fremdsprachen und verlasse dieses Land. Wenn du nach deinem Gewissen leben möchtest, kannst du hier nichts tun.»

Sokolowa bildete sich nach dem Ende der Sowjetunion in Deutschland und England zur Kulturmanagerin aus. Mit Hilfe von drei Projektoren entführt sie die Besucher im Friedländer Tor auf virtuelle Spaziergänge durch die engen Gassen des alten Königsberg. Vorbei an pittoresken Fachwerkhäusern und kleinen Geschäften, noblen Damen und Pferdekutschen.

Von dieser Pracht ist im heutigen Kaliningrad kaum mehr etwas zu sehen. Britische Bomben und sowjetische Artillerie zerstörten ein Drittel der Stadt. Unter kommunistischer Herrschaft ging ein weiteres Drittel verloren. «Alles Deutsche galt als faschistisch», erklärt Sokolowa. Selbst die deutschen Arbeiterhäuser, die bis heute bewohnt werden, haben seit dem Krieg kaum einen neuen Anstrich bekommen.

Höhepunkt dieser Politik war 1967 die Sprengung des Königsberger Schlosses. Auf seinem Fundament bauten die Sowjets das «Haus der Räte», einen i6 Stockwerke hohen Betonwürfel. Weil der Untergrund die schwere Last nicht tragen konnte, steht der Klops heute als Bauruine wie ein Mahnmal im Zentrum von Kaliningrad. Ein Symbol für das Scheitern der Sowjetunion.


Sokolowa würde die Königsberger Altstadt nach dem Vorbild von Danzig gerne wieder aufbauen. Doch jetzt glaubt sie kaum mehr an ihre Träume. Sie erwartet düstere Zeiten. «Die orthodoxe Kirche hat eine besondere Stellung im Staat», erzählt Sokolowa besorgt. Es scheint für sie unübersehbar: «Die politische Führung will den orthodoxen Glauben zur nationalen Idee machen.» An jedem Feiertag werden der Präsident und der Premierminister beim Gebet in der Kirche gezeigt, kritisiert die aufmüpfige Kulturmanagerin und warnt: «Dies wird zu religiösen und ethnischen Spannungen führen.»

Die Katholiken in Kaliningrad seien besorgt. «Sie fragen sich: Sind wir nicht auch Bürger der russischen Föderation? Warum nehmt ihr uns die Kirchen weg?» Aufgebracht fügt Sokolowa hinzu: «Ich bin orthodox, aber jetzt suche ich mir einen anderen Glauben.»


Pater Alexander sieht alles anders. Der 36-jährige ist im Kaliningrader Gebiet Missionar der russisch-orthodoxen Kirche. Der kräftig gebaute Geistliche trägt einen Priesterrock, langes dunkles Haar und einen flaumigen Bart.

Alexander gibt sich zuvorkommend. Um der bitteren Kälte zu entfliehen, lädt er in eine trendige Kantine mit transparenten grünen Plastikstühlen. Der Missionar serviert Tee und eine Portion «Pelmeni», eine Art russische Ravioli.

Pater Alexander soll das zerfallene Kino «Barrikada» wieder aufbauen. Vor der Revolution war es eine lutherische Schule, aber jetzt stehen nur noch die Wände. «Ich möchte eine Kapelle bauen und ein soziales Kino einrichten», erklärt der Priester. Er wolle dort Filme für suchende Menschen zeigen, «kein billiges Popfutter».

Die Aufregung um die Kirchenübergabe kann Alexander nicht verstehen. Er gibt offen zu: «Der Staat ist als Sponsor der orthodoxen Kirche aufgetreten.» Aber keine andere Glaubensrichtung habe eben so viel für die Errichtung des russischen Staates getan. «Die Orthodoxie ist die nationale Idee Russlands.»

«Wozu existiert ein Staat?», fragt Alexander. Ein Staat könne nach einem großen Imperium oder nach materiellem Wohlstand streben. «Aber das Hirn unseres Volkes ist anders gebaut. Wenn ein Russe reich ist, degeneriert er schnell. Wichtig ist für uns die innere Vervollkommnung.» Das Leben sei wie ein Hochofen, in den man ein Stück goldhaltiges Gestein werfe. «Das Gold bleibt übrig, die Schlacke verbrennt.»

Ein echter Russe muss für Alexander demnach per se ein orthodox-religiöser Mensch sein. «In der Realität treffen wir heute aber leider meistens nicht russische, sondern sowjetische Menschen an», bedauert der Missionar. Viele ließen sich aus Tradition taufen, lebten jedoch nicht nach dem orthodoxen Glauben.

Aber nicht nur gläubig und arm soll der Russe sein. Nein, auch als gehorsamer Untertan muss er sich erweisen. «Wir können nicht verstehen, was Demokratie ist. Sie passt nicht in unsere Mentalität», erklärt Alexander. Dabei schließt er auch die Ukrainer und Weißrussen mit ein. «Wir sind eine Nation», ist der Missionar überzeugt.

Für Alexander sind Mitbürger unmündige Kinder, unfähig, gute politische Führer zu wählen. Dafür ist in seinen Augen die Religion zuständig. Sie garantiere, dass «der beste Mensch an die Macht» komme, glaubt der Priester und sticht eine «Pelmeni» auf die Gabel. «Nur die Religion erzieht das Gewissen.» Der Mensch ist in seinen Augen nicht von Natur aus gut. Er muss Angst haben. Entweder vor dem Fegefeuer oder einem totalitären Überwachungsstaat.


Das absurdeste Opfer der geopolitisch motivierten Übergabepolitik ist wohl der Klub «Wagonka». Die ehemals lutherische Kirche fiel im Krieg den Bomben zum Opfer. Die Eisenbahnwagenfabrik richtete das Gebäude jedoch für ihre Arbeiter als «Haus der Kultur» wieder her. «Ab I978 gab es erstmals Disconächte mit Musik vom Plattenspieler», erzählt der «Wagonka»-Besitzer Andrej Lewtschenko.

«Hier wurde nur acht Jahre gebetet, aber 50 Jahre getanzt», meint der Lebemann und streicht sich über seinen modischen Dreitagebart. Dass das Klubgebäude nun der orthodoxen Kirche gehört, sieht er gelassen. Seine Brötchen verdient er längst nicht mehr mit Disconächten. Die Konkurrenz ist groß geworden. «Reiche Leute haben ihr Geld im Zentrum in Nachtklubs investiert», erklärt Lewtschenko.

Der Manager mit dem bunten Schal führt heute eine Eventagentur. Im «Wagonka» finden jetzt am Wochenende vor allem Konzerte statt. Auch größere Namen wie die «White Stripes» haben hier schon gespielt. Schließlich wirbt «Wagonka» mit dem Slogan «Der westlichste Club des Landes».

Lewtschenko schließt die großen Metalltüren des Konzertsaales hinter sich, zieht sich ein Paar fingerlose Lederhandschuhe über und schwingt sich lässig in sein schnittiges Audi-Cabriolet. Er nimmt Fahrt auf und meint dann: «Vielleicht ist der Eigentümerwechsel auch die Rettung des Klubs.» Die Beamten seien auch keine leichten Partner gewesen. Sie wollten immer mehr Geld. Lewtschenko musste sich «drehen und winden», um den Klub am Leben zu halten.

Während der Selfmademan ruhig durch Kaliningrad kurvt, bricht aller Unmut aus ihm heraus: «Die Russen sind ein faules Volk. Wir sind weiß, aber wir haben eine Mentalität wie die Neger. Ich will ein Europäer sein. Aber das hier ist die Fortsetzung der kommunistischen Scheiße.» Lewtschenko macht eine weite Armbewegung: «Warum fahren in Russland teure Autos auf schlechten Straßen?» Es gebe keine öffentlichen Toiletten, dafür liefen die Frauen auf hohen Absätzen über die eisigen Straßen. «Invalide und alte Menschen existieren bei uns nicht», fährt Lewtschenko fort und wird philosophisch: «Vielleicht besteht da ja ein Zusammenhang zwischen den öffentlichen Toiletten und den hohen Absätzen!?»

«Nur mit Willen und Talent, ohne Geld und ohne Beziehungen, geht in Russland gar nichts.» Der Lebenskünstler lässt seiner «unrussischen Seele» jetzt freien Lauf. Er hasst den ganzen Hurrapatriotismus des Putin-Regimes. Den Slogan «Vorwärts Russland» kann er nicht mehr hören. Auch die in Mode gekommenen Olympia-Trainingsanzüge mit russischen Folkloremustern kotzen ihn an. «Wir gehen nicht in Richtung Europa, Mutter Moskau will uns russisch machen», poltert Lewtschenko enttäuscht.


Die notwendigen Beziehungen in Russland scheinen auch Walter Rix und Reinhard Stillger zu fehlen. Ihr Besuch in Kaliningrad blieb erfolglos. An ihrem guten Willen hat es bestimmt nicht gelegen. Bevor sie die Rückreise antreten, schauen sie nochmals bei Hildegard Kalkowski vorbei.

In der ehemaligen Kolchose schreitet der Zerfall der Sowjetunion bis heute fort. Hildegard wohnt mit ihrer Familie in einem zweistöckigen Wohnhaus aus grauem Backstein. Im Hof stehen ein rostiger Lada und eine zerbeulte Jeep-Karrosserie im Schnee. Der Blick streift über verlotterte Gartenzäune und windschiefe Holzhütten.

«Kommt rein», ruft Hilde, ihre Hand fest am Treppengeländer. Aldona, wie Hilde hier genannt wird, trägt ein dunkelblaues Schürzenkleid mit weißen Punkten und ein flauschiges Filztuch um den Kopf. So wie eine echte «Kolchosniza» im Winter eben aussehen muss.

Es geht durch eine schwere Metalltür in ein feuchtes Treppenhaus, weiter über einen Flur aus abgewetzten Holzdielen und vorbei an einer betrunkenen Nachbarin. «Ich lebe ganz arm, ganz arm», entschuldigt sich Hilde. Ihre große Freude über den deutschen Besuch ist in ihrer aufgeweckten Stimme nicht zu überhören. Aus ihren Augen aber spricht große Traurigkeit.

In Hildes Wohnung riecht es nach ungewaschenen Kleidern und alten Möbeln, die rosaroten Stofftiere auf der Küchentapete sind längst vergilbt. «Setz Tee auf, Paulchen», sagt Hilde zu ihrem Mann, einem unrasierten mürrischen Kerl mit Hornbrille. «Das ist Pawel, aber ich nenne ihn nur Paulchen», kichert sie verlegen.

Im Wohnzimmer hängt ein Bild von den zweien aus besseren oder zumindest jüngeren Zeiten. Darunter zwei Fotos der beiden Söhne in sowjetischen Armeeuniformen mit Bärenfellmütze. «Der eine ist nach einer Milzoperation gestorben, der andere ist arbeitslos», sagt Hildegard und blickt auf den abgewetzten Wandteppich mit einer idyllischen Landschaft: eine Hirschfamilie auf einer Waldlichtung.

Hilde setzt den heißen Teekrug auf einen braunen Keramikuntersatz. Darauf ist «Mischka» zu sehen, das niedliche Bären-Maskottchen der Moskauer Sommerolympiade von 1980. «Nehmt», sagt sie. «Der Zucker ist leider hart geworden, der ist noch vom August.»

Ihre Miene verfinstert sich: «Ich war in der Hölle, das kann man nicht erzählen.» Und dann erzählt sie doch:
1944 klopften frühmorgens sowjetische Soldaten an die Tür ihrer Familie. «Eine Stunde, und ihr seid hier raus!», schrien sie. Mehrere Tage waren sie unterwegs, übernachten mussten sie im Freien. Eines Abends holten deutsche Soldaten den Vater ab. Er sollte Schützengräben ausheben. Die Soldaten sagten, der Papa komme am nächsten Tag wieder. «Doch er kam nicht mehr», flüstert Hilde und dann noch leiser: «Ich weiß gar nicht, wie er aussieht, der Papa.»

Irgendwann gerieten sie in diese Feuerhölle. «Ich lag auf dem Wagen und von oben schossen die Flugzeuge», erinnert sich Hilde. Ein deutscher Soldat packte sie und schmiss das elfjährige Mädchen unter den Wagen. «Da waren Federbetten drauf, die haben mich gerettet, die Kugeln kamen nicht durch», stammelt die alte Frau mit ostpreußischem Akzent in russischem Satzbau. «Die Pferde waren alle tot», erzählt Hildegard mit bebender Stimme von ihrer missglückten Flucht aus dem Memelland. Ein Gebiet Ostpreußens, das heute zu Litauen gehört.


Ihre Dokumente waren alle verbrannt. Zusammen mit der Mutter schlug sich Hilde zurück in ihr altes Haus durch. Aber dort ging die Hölle weiter. Die deutsche Gutsbesitzerin wurde von einem ihrer litauischen Arbeiter gehängt. Hildes Mutter konnte ein halbes Jahr nicht mehr gehen und so musste die Tochter für sie sorgen.

Für einen litauischen Bauern melkte Hilde die Kühe und bettelte auf der Straße. Vom Bauern bekam sie nur Kost und Kleidung, keinen Lohn. Nachts schlich Hilde manchmal heimlich in die Vorratskammer, um etwas Brot, Butter und Eier zu ergattern.

Bei den sowjetischen Behörden machte Hildegard falsche Angaben über ihre Identität. In ihrem Pass hieß sie nun Aldona Balandajewa. Die Mutter aber bemühte sich 18 Jahre lang um ihre deutschen Papiere. 1961 reiste sie in die Bundesrepublik aus. Für Hildegard war es zu spät. Sie hatte bereits zwei Kinder mit ihrem russischen Mann Pawel. Auch diese Bilder verfolgen sie. «Ich sehe den Zug abfahren und schreie <Mama, Mama>!» Mit aufgewühlter Stimme schluchzt sie: «Das schreie ich jetzt schon viele Jahre.»

Mit ihrem Mann zog sie danach ins Kaliningrader Gebiet, in die Kolchose im früheren Arnau. Pawel hütete die Kühe, Hilde fand Arbeit als Hilfskraft im Infektionskrankenhaus.


Hildegard ist den Tränen nahe. «Eine deutsche Frau muss in Russland hungern», sagt sie kopfschüttelnd. Die Hälfte ihrer miesen Rente geht für die Miete ihrer schäbigen vier Wände drauf. «Ich habe keine Toilette, kein Bad, das Wasser holen wir am Brunnen.» Auch die Männer im eigenen Haushalt und in der Nachbarschaft machen Probleme. «Sie trinken Schnaps, die kennen keine Grenzen.» Zitternd hebt sie ihren Zeigefinger und flüstert: «Wenn sie besoffen sind, machen sie, was sie wollen.»

Hilde versinkt in ihrem Sessel und seufzt trotzig: «Ich war ein fröhliches Mädchen.» In der Schule war sie im Laufen die Beste. «Ich gewann auch einen Preis», erzählt sie lachend und sagt dann wieder ganz ernst: «Jetzt bin ich nur noch alt.»

Die St.-Katharinenkirche gab Hilde stets ein wenig Hoffnung, auch wenn sie nur noch als Getreidespeicher diente. «Die Kirche war immer etwas Deutsches für mich», erzählt die alte Ostpreußin. Zu ihrer großen Freude kamen nach dem Ende der Sowjetunion einige ihrer Landsleute sogar zurück, um die Kirche wieder aufzubauen.

Ohne deren Unterstützung wäre Hilde heute vermutlich nicht mehr am Leben. Die alte Frau zeigt auf Stillger und Rix. Dann sagt sie: «Die halfen mir, damit ich nicht hungern musste.» Auch Medikamente gegen ihr schweres Asthma erhielt sie aus Deutschland.

Dann schaut sie mit finsterem Blick zu ihren zwei deutschen Freunden. «Warum habt ihr die Kirche abgegeben?», fleht sie ungläubig. «Ich habe geweint, so viel geweint.» Stillger und Rix, der Bauleiter und der Literaturwissenschaftler, sitzen nachdenklich auf dem abgewetzten Sofa. Vor ihrem inneren Auge lassen sie vermutlich nochmals all die Mühsal passieren, die ihnen diese Kirche abverlangt hatte.

Rix kommt ins Erzählen: «Wir haben ständig gegen die Korruption gekämpft.» Der Chef des Denkmalschutzes «ein alter Bolschewik» habe selbst eine Firma für Restaurierungsarbeiten gegründet. «Nur diese bekam eine Lizenz, um Arnau zu restaurieren.»

Für den Dachstuhl schlugen die Russen eine Stahlkonstruktion vor. «Wir wollten echte ostpreußische Fichte haben, denkmalgerecht.» Balken mit der notwendigen Länge von 11,40 Meter konnte jedoch kein russisches Sägewerk liefern. Also schlugen die deutschen Enthusiasten die Bäume selbst in Tilsit und ließen sie im Sägewerk eines zurückgekehrten Ostpreußen zuschneiden. «Mit Eisenbahn-schienen haben wir die Sägestrecke verlängert», erzählt Rix nicht ohne Stolz.


Die St.-Katharinenkirche hat große Opfer gefordert. Deshalb will Rix noch nicht aufgeben. Er möchte wiederkommen, um erneut mit den Behörden zu verhandeln. Stillger hingegen ist weniger optimistisch. «Was die Russen einmal kassiert haben, geben sie nicht mehr her», befürchtet der vielgereiste Mann und fügt mit philosophischem Trotz hinzu: «Das ist immer noch meine Kirche, egal wer die Hand drauf hat.»

Hildegard drückt indessen eine viel größere Sorge: «Wenn die Kirche jetzt nicht mehr ist, kommt dann noch wer?», fragt sie. Wie im Chor antworten die beiden alten Männer: «Wir kommen nur für dich, Hilde, du musst leben.»

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Quelle / Источник:
Auszug aus dem Buch: Das explosive Erbe der Sowjets
http://www.ofv.ch/index.php?action=titel_detail&id=14794

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Stand: 15. September 2018


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